Archiv 2011

Die Mär von der Wasserkraft – Mythos und Wirklichkeit

Alle Mythen der Wasserkraft – hier zum Downloaden

Mythos 1: Was glaubst du, ist Wasserkraft eine ökologisch unbedenkliche und saubere Energiequelle?

Ökologisch unbedenklich? – Wasserkraftwerke haben massive ökologische Folgen für unsere Tier- und Pflanzenwelt. Sie beeinträchtigen einen Fluss gravierend und haben schwerwiegende Auswirkungen auf das Ökosystem und den gesamten Wasserhaushalt. 

Zerstörung der Flusslandschaften

Die Republik Österreich meldete 2010 an die EU einen Wert von 3,7 auf einer Skala von 1- 5 (Schulnotensystem) für den „ökologischen Zustand“ der größeren Gewässer unseres Landes. Der schlechte Wert ist vor allem auf Wasserkraftwerke zurückzuführen. 1)

Störung der Wanderungen

Flussverbauungen verhindern das Wandern der Fische. Die heute als Ersatz angebotenen Fischaufstiege funktionieren leider zumeist unzureichend und sind somit oftmals unwirksam. Außerdem sterben bei der Wanderung flußabwärts viele Fische elendig in Turbinen.

Belastungen durch Schwallbetrieb

Je nach Strombedarf wird bei Speicheranlagen täglich, auch mehrmals am Tag, ein kurzes, heftiges künstliches Hochwasser erzeugt. Mit diesen extremen Wasserspiegelschwankungen kommen Fische und Kleintiere nicht zurecht. So werden die Eier (Laich) von kiesbrütenden Fischarten weggespült oder vertrocknen.

Der Wasserstandunterschied zwischen Schwall und Sunk beträgt zum Beispiel an der Thaya im Bernhardsthal in der Regel einen halben Meter. 2)

1) Lebensministerium (2009) Nationaler Gewässerbewirtschaftungsplan 2009, wisa.lebensministerium.at
2) Amt der Niederösterreichischen Landesregierung (2011) Wasserstandsnachrichten – Hochwasserprognose, www.noel.gv.at

Sauber?

Nein – Beim Aufstauen eines Flusses bei Lauf- oder Speicherkraftwerken entsteht Faulschlamm am Gewässergrund. Durch Spülungen muss der Schlamm immer wieder entfernt werden. Alles was der Spülung im Weg steht, wird mitgerissen.

Der Sauerstoffgehalt im Wasser sinkt, was sich massiv auf alle Flussbewohner auswirkt.
•    Jungfische verenden im verschlammten Flussbett.
•    Auch andere Kleinlebewesen, die zwischen den Steinen leben und wichtige Funktionen wie das Reinigen des Wassers übernehmen, ersticken im Schlamm.

Wenn das Ökosystem Fluss nicht mehr funktioniert, hat das auch gravierende Folgen für uns Menschen: Wichtige Funktionen wie das Speichern, Filtern und Reinigen unseres Trinkwassers oder der Schutz vor Hochwasser, können nicht mehr erfüllt werden.

Mythos 2: Was glaubst du, ist Österreichs sauberes Wasser unerschöpflich?

Unerschöplich? – Fließgewässer und Grundwasser bilden eine Einheit. Von ihrer Qualität hängt auch die Qualität unserer Wasserreserven ab. Gefährden wir das Grundwasser, gefährden wir unser Trinkwasser.

Durch die künstliche Verdichtung des Gewässerbettes beim Bau eines Kraftwerkes kann kein Austausch zwischen Fluss und Grundwasser stattfinden.

Durch das Verschlammen des Gewässerbettes kann das Wasser nicht mehr gereinigt werden und es findet nur ein verminderter Austausch mit dem Grundwasser statt.

Durch den Stau bei einem Kraftwerk wird der Grundwasserspiegel angehoben. Unterhalb der Staumauer sinkt er oftmals dramatisch ab – so trocknen umliegende Landschaften wie Felder und Auwälder aus.

Um die Qualität und Verfügbarkeit unseres Wassers langfristig sicherstellen zu können, muss die ökologische Funktionsfähigkeit der Gewässer erhalten und gefördert werden.

Mythos 3: Was glaubst du, sind Wasserkraftwerke ein sicherer und guter Hochwasserschutz?

Sicher? – Wasserkraftwerke werden nicht für den aktiven Hochwasserschutz gebaut. Sie können Hochwasser mindern, seine Auswirkungen aber auch verstärken.

Ein Stausee kann nur bis zu einer gewissen Menge Wasser zurückhalten. Wird diese Grenze überschritten, müssen seine Schleusen geöffnet werden und es kommt zu einer massiven Hochwasserwelle – so geschehen am Kamp in Niederösterreich 2002.

Die allerbesten Hochwasserspeicher sind naturbelassene Fluss- und Feuchtgebiete.  Sie fungieren als natürliche Hochwasserbremsen, da sie die Wassermassen wie ein Schwamm aufsaugen und Hochwasserwellen abschwächen.

Um Überschwemmungskatastrophen zu mildern oder zu verhindern, setzt der moderne Schutzwasserbau immer mehr auf nachhaltigen ökologischen Hochwasserschutz.

Was versteht man unter modernem, ökologischem Hochwasserschutz?

Flüsse bekommen durch Rückbaumaßnahmen zusätzlich Raum. Daher können sich die Wassermassen bei Hochwasser schadlos ausbreiten und abgebremst werden.

Vorzeigeprojekt „der.inn – lebendig und sicher“

Das Land Tirol, das Lebensministerium und der WWF haben bis Ende 2010 das Projekt „der.inn – lebendig und sicher“ für integrierten Hochwasserschutz indiziert. Sicherheit vor Hochwasser und eine ökologische Aufwertung des Flusses gehen Hand in Hand.

Mythos 4: Was glaubst du, macht der Ausbau der Wasserkraft Österreich von Stromimporten unabhängig?

Unabhängig? – Steigt der Stromverbrauch der Österreicher wie bisher um jährlich 2 %, kann die Wasserkraft diesen Verbrauch auch bei einem Totalausbau nicht decken.

In 4 – 5 Jahren stehen wir vor demselben Problem, jedoch hätten wir dadurch unsere letzten intakten Fließstrecken geopfert. Das Energieproblem wird somit lediglich verschleppt, aber nicht gelöst.

Neben heimischen Wasserkraftwerken wird für den enormen Inlandsstromverbrauch Strom aus dem Ausland importiert. Gleichzeitig wird Strom aus Österreich als Spitzenstrom teuer ins Ausland verkauft. Um diesen erzeugen zu können, wird für Pumpspeicherkraftwerke u.a. Atom- und Kohlekraftwerksstrom aus dem Ausland importiert.

 

Mythos 5: Was glaubst du, werden durch den Bau von Wasserkraftwerken Arbeitsplätze geschaffen?

Arbeitsplätze geschaffen? – Für die Errichtung eines Kraftwerks werden kurzfristig Arbeitsplätze geschaffen. Für den Betrieb wird dann nur mehr eine geringe Anzahl an Personen benötigt.

Das Fördern anderer erneuerbarer Energiequellen, Investitionen in Gebäudedämmung und Verbesserung der Technologie bei Haushaltsgeräten, schaffen langfristige Jahresarbeitsplätze. Davon profitieren unterschiedliche Wirtschaftsbereiche wie Bau-, Zimmerei-, Ausbau- oder Elektronikgewerbe und nicht nur die Wasserkraftbranche.

Durch den Ausbau der Wasserkraft in Österreich von rund 7 TWh bis 2020 werden nach Angaben des Branchenverbandes „Österreichs Energie“ rund 6000 Arbeitsplätze in zehn Jahren gesichert. 1)

Vergleich

Durch die Förderung anderer erneuerbarer Energien, wie Solar, Windkraft oder Biomasse und Investitionen in Effizienzsteigerungsmaßnahmen, wie thermische Sanierung, werden 380.465 langfristige Jahresarbeitsplätze geschaffen. 2)

1) Oesterreichs Energie (2009) Masterplan Wasserkraft, www.oesterreichsenergie.at
2) Austrian Energy Agency (2008) EE-Pot – Abschätzung der Energieeffizienz-Potenziale in Österreich bis zum Jahr 2020, Wien

Mythos 6: Was glaubst du, ist in Österreich noch viel Potential für Wasserkraft vorhanden?

Potential? – Ein Großteil des österreichischen Potentiales ist bereits ausgeschöpft:
•   alle 600 Meter steht eine Flussverbauung
•    4.034 Wasserkraftwerke, d.h. alle 8 Kilometer steht bereits ein Kraftwerk
•    50.000 Querwerke (Wehre, Sohlrampen)

Nur mehr 33 % unserer Flüsse und Bäche sind noch natürlich oder naturnah – ein Drama für alle Fische und Lebewesen in unseren Flüssen.

Es gibt noch Flüsse, die sinnvoll und ökologisch verträglich ausgebaut werden können. Das Ausmaß wird von der E-Wirtschaft jedoch weit überschätzt.

Um eine fachlich solide Entscheidungsgrundlage für den weiteren
Wasserkraftwerksausbau in Österreich zu gewähren, wurde der WWF –
Ökomasterplan II erstellt.

Ein Pilotprojekt, bei dem unter Einbindung der Öffentlichkeit Wasserkraftprojekte an DEN Orten umgesetzt werden sollen, die ökologisch wie auch energiewirtschaftlich effektiv scheinen, ist der „Kriterienkatalog Tirol“.

Mythos 7: Was glaubst du, verursachen kleine Wasserkraftwerke weniger Umweltschäden als große?

Weniger Umweltschäden? – Kleinwasserkraftwerke haben auf Ökosysteme die gleichen negativen Auswirkungen wie große Anlagen. Alle 3.380 Kleinwasserkraftwerke in Österreich zusammen decken nur 7 % des heimischen Stromverbrauchs. 1)

In Summe werden für wenig Strom große Eingriffe in Kauf genommen. Denn im Vergleich zu Lauf- oder Speicherkraftwerken wird durch Kleinwasserkraft 5 bis 8 mal soviel Flussnatur bei gleichem Energiegewinn zerstört. 2)

Es gibt bislang keine Zonierungspläne oder Kriterien für die Standortwahl, dennoch wird der Ausbau der Kleinwasserkraft von vielen Bundesländern stark gefördert.

Eine Studie der Universität für Bodenkultur Wien besagt: „…wenn 107 neue Kraftwerke benötigt werden, müssten für die gleiche Energiemenge 803 Kleinwasserkraftwerke errichtet werden. Auch der Gewässerverbrauch ist enorm: Etwa 200 Meter Fließgewässer werden pro GWh und Jahr bei Kleinwasserkraftanlagen verbraucht, im Gegensatz zu Speicherkraftwerken mit „nur“ 17 Metern pro GWh und Jahr …“3)

Bsp. Stauraumspülung

Je kleiner das Gewässer, desto stärker sind die ökologischen Folgen, da weniger Wasser zum Verdünnen der ausgespülten Ablagerungen vorhanden ist. An Kleinwasserkraftwerken zeigen sich die Auswirkungen von Stauraumspülungen daher besonders drastisch.

1) e-control (2010) Statistikbroschüre 2010, Wien
2) S. Schmutz, et al.(2010) Erratum zu: Ökologischer Zustand der Fließgewässer Österreichs – Perspektiven bei unterschiedlichen Nutzungsszenarien der Wasserkraft, Wien
3) S. Schmutz, et al.(2010) Erratum zu: Ökologischer Zustand der Fließgewässer Österreichs – Perspektiven bei unterschiedlichen Nutzungsszenarien der Wasserkraft, Wien

Alle Mythen der Wasserkraft

Mythos 1

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Mythos 2

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Mythos 3

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Mythos 4

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Mythos 5

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Mythos 6

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Mythos 7

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